Test der Sony ZV-1F oder die beste Webcam der Welt?

Heute ist die erste ZV-1F beim Händler verfügbar und ich habe sofort ein Modell reserviert. Was die neue ZV-1F von Sony kann oder ob es doch nur eine überteuerte Webcam ist, soll dieser Beitrag zeigen.

Die Sony ZV-1F ist gerade bei den Händlern eingetrudelt, da habe ich mir die scheinbar einzige ZV-1F in Hannover gekauft und schreibe an diesem Test.

Sony und auch andere Hersteller, leiden aktuell unter sehr schwierigen Liefer- und Versorgungsengpässen... Aber los geht es mit dem Review der ZV-1F.

Verarbeitung und Haptik

Die Sony ZV-1F ist leicht, sie ist wirklich irre leicht und ich habe Angst sie aus Versehen einzuatmen... Sony setzt bei der Kamera größtenteils auf Kunststoff, der allerdings nicht billig wirkt. Einzige Ausnahme ist der Objektivtubus, dieser ist aus Aluminium gefertigt.

Sony nennt dies Road to Zero, ich würde eher sagen, das Sony ein noch billigeres Produkt herstellen wollte, um das untere 1-Zoll Kamerasegment strategisch gegen die Kunkurenz abzusichern.

Dennoch wirkt die Kamera im Design eines IKEA-Backsteins sehr angenehm in der Hand und auch auf längeren Touren durch die Stadt und auf Reisen ist sie ein angenehmer Handschmeichler. Im Gegensatz dazu, habe ich unter gleichen Bedingungen beispielsweise mit der Canon EOS M6 mk I sehr schlechte Erfahrungen gemacht, da die Gummierung sehr weicht ist und im laufe eines Tages durch den Handschweiß überaus unangenehm und glitschig wird.

Das Objektiv 20mm F2.0

Das Objektiv ist für mich persönlich das Kaufkriterium denn: Das Objektiv ist kein Zoom-Objektiv und ich hatte in der Vergangenheit beispielsweise an der Canon G7X II das so genannte Staubsauger-Problem. Das Zoomobjektiv hat im Laufe der Zeit immer mehr Staubpartikel in den Kamerabody eingesaugt, die ich auf Grund der Bausweise nicht mehr entfernen konnte bzw. reinigen konnte.

Zwar ist die ZV-1F ebenfalls durch ihre Bauart eine geschlossene Kamera, jedoch saugt das Objektiv keinen Staub ein, da der Fokus innenfokussiert arbeitet. Äußerlich bewegt sich der Tubus nicht.

Mit einer sagenhaften Naheinstellgrenze von 5cm in Verbindung mit dem elektronischen Zoom, können toll freigestellte Nahaufnahmen angefertig werden, die man dieser Kamera überhaupt nicht zutraut.

Die Brennweite ist endlich mal so angenehm kurz gehalten, das ich mit meiner Frau zusammen im Selfiemodus auf Reisen mit aufs Bild passe. Endlich hat Sony die Wünsche der Konsumenten erhört.

Manueller Fokus

Die Sony ZV-1F bietet einen manuellen Fokus an, wobei die Nutzung nur schwer möglich ist, da dem Objektiv ein Fokusring fehlt. Die Fokussierung erfolgt über das Systemmenü der Kamera und kann zur echten Nerverei werden. Es ist daher besser, den Fokus-Servo auf das Steuerrad der Rückseite umzudefinieren, dann wird das manuelle Fokussieren mit Hilfe des Drehrades zum Kinderspiel.

Facetracking und aktives Tracking

Im Standardzustand arbeitet das Objektiv der Sony ZV-1F im Modus Gesichtserkennung und stellt auch permanent auf ein Auge scharf, ab und zu liegt die Kamera beim schwächeren Kontrast-AF etwas daneben. Abhilfe schafft ein vorheriger Klick auf das Display im Videomodus, um das aktive Tracking einzuschalten, dann verfolgt der AF das Auge ganz aktiv und leistet bessere Trackingergebnisse indem er die Bewegungen des Auges vorausberechnet. Mit Klick auf den OK-Button wird das aktive Tracking wieder ausgeschaltet und die normale Gesichtserkennung ist aktiv.

Die normale Gesichtserkennung fokussiert rund um den AF-Punkt wenn es ein menschliches Auge erkennt auf das Auge, ansonsten auch auf andere Motive wenn die ZV-1F diese erkennt. Wird das Tracking (Verfolgen) aktiviert, verfolgt es das Auge auch außerhalb des Fokusrahmens, auch wenn dort andere Motive erkennbar wären (Sony-Doku: Fokussierung auf menschliche Augen und Starten der Nachführung).

Freistellung im Vloggingstyle

Die erreichte Freistellung bei 20mm F2 und einem 1-Zollsensor ist im Vloggingstyle gering ausgeprägt, dennoch wahrnehmbar. Im direkten Vergleich zum Smartphone wirkt das Bild der ZV-1F durch die leichte Freistellung deutlich angenehmer und ist dem Smartphone zu bevorzugen.

Blitzschuh, Coldshoe, Hotshoe

Der eingebaute Blitzschuh ist kein Multifunktions-Adapter an dem man Sonys beliebte Mikrofone anschließen könnte. Der Blitzschuh ist passiv und weist keinerlei elektronische Kontakte auf. Er dient lediglich zum Aufstecken von weiteren Dingen wie Licht, Mikro oder ähnlichen.

Software, Firmware der ZV-1F

Gleich ein wichtiger Punkt vorab - die Sony ZV-1F kann keine RAW-Fotos erstellen. Das könnte durchaus für den einen oder anderen User problematisch sein. Hingegen habe ich noch nie mit Sony-Kameras RAW fotografiert, da die RAW-Entwicklung am PC nicht zu meinem Workflow passt und ich daher mit Canon, Nikon oder Lumix mobil RAW in der jeweiligen Kamera entwickle.

An der ZV-1F sollte man sich daher ein geeignetes, flaches JPG-Bildprofil einrichten, das sich leicht am Smartphone oder PC graden lässt.

Ein Bildprofil für alle

Etwas unangenehm ist mir aufgefallen, das Sony die Firmware derart schlank hält, das die verschiedenen Betriebsarten Video, Foto und Q&S sich ein zentrales Bildprofil teilen müssen.

Während bei den größeren Systemkameras je Modus ein anderes Bildprofil gespeichert werden darf, schafft die ZV-1F lediglich nur ein einziges Profil zu speichern, welches sowohl im Video und Fotobetrieb gültig ist. Wollte man für Video ein anderes Bildprofil als für den Fotobetrieb, ist man leider gezwungen dies ständig umzustellen.

Ich gebe mich der Hoffnung hin, das Sony dies durch ein Firmwareupdate noch bereinigt, denn dieser Mangel ist echt nervig.

Interne Mikrofone der ZV-1F

Die verbauten internen drei Mikrofonkapseln machen einen ganz hervorragenden Job aber hier war Sony schon immer führend. Der Anschluss eines externen Mikros für bessere Tonqualität wird dadurch vollkommen überflüssig - es sei denn man möchte etwas mehr Richtcharacteristik im Ton haben.

Die ZV-1F als Webcam

Diese Funktion ist wirklich ein echtes Highlight, denn die Sony ZV-1F funktioniert als native Webcam am PC, einfach via USB-Kabel anschließen und Teams, Skype oder ZOOM starten.

Allerdings gibt es in diesem Modus die Einschränkung auf die Bildprofile PP1...PP10, da nur die normalen Kreativmodis zur Verfügung stehen - aber das reicht vollkommen aus.

In diesem Modus wird die ZV-1F auch dauerhaft mit Strom versorgt und kann unendlich betrieben werden.

Der Preis

Zu hoch! Der Preis für etwa 650,- EUR ist erheblich zu hoch. Zwar gibt es in diesem Preissegment einige kleine Systemkameras die deutlich mehr leisten können aber ein bedeutend größeres Packmaß besitzen. Die Sony ZV-1F passt in jede Hemd- oder auch Hosentasche und Miniaturisierung ist bekanntlich auch teuer.

Fazit

Sofern man den hohen Preis außer acht lässt, ist die Sony ZV-1F eine sehr gut gelungene Kamera mit großem 1-Zollsensor. Die Hardwarequalität ist erstklassig, sowie auch die Ausstattung mit dem externen Mikrofon- oder auch dem konfigurierbaren HDMI-Anschluss in diesem Kamerasegment. Damit hebt sich die Kamera deutlich zur Konkurenz ab und schafft Abstand zur Canon G7X III oder vergleichbaren Modellen.

Die ZV-1F ist auf den mobilen Workflow optimiert und berücksichtigt die Wünsche der Influencer und Youtuber für unkomplizierten und schnellen Content. Aber auch für die Reisefotografie und schnelle Video-Interventionen ist die Lichtstarke Brennweite mit elektronischem Stabi auch für Nicht-Influencer sehr interessant.

Sofern da nicht die radikalen Streichungen Sonys beispielsweise am RAW-Format oder dem Bildprofil für die verschiedenen Betriebsarten wären, könnte man den aktuellen Preis von etwa 650,- EUR verschmerzen.

Dennoch gibt es (noch) keine Alternative in diesem Formfaktor mit derartiger Leistung und genau das weiß Sony :)

Die aktuell vergleichbare Canon G7X III fällt in ihren Leistungsdaten, Austattung, Bild- und Tonqualität erheblich hinter der ZV-1F ab, sodass diese nicht als Konkurentin in Frage kommt.

Sofern Sie diese spezielle Kamera noch nicht brauchen, würde ich noch etwas warten. Es ist sehr wahrscheinlich, das der Preis weiter sinken wird oder Sony die Firmware mit weiteren Funktionen im Rahmen der guten Produktpflege anreichern wird - das Potenzial wäre da und würde den hohen Preis weniger schmerzhaft erscheinen lassen.